Kunst im öffentlichen Raum Frankfurt

Die Stadt als experimentelle Bühne, Resonanzraum und Reibungsfläche


Der Begriff „Kunst im öffentlichen Raum“ ruft in den Köpfen zahlreiche, sehr unterschiedliche Vorstellungen auf.
Wir denken an Statuen historischer Persönlichkeiten, die besondere individuelle Leistungen würdigen, oder an Gedenkstätten, die Verbrechen der Vergangenheit vergegenwärtigen. Solche Objekte leisten die Rückbesinnung auf eine gemeinsame Geschichte und formen damit die Identität einer Stadt und ihrer Einwohner*innen mit. Sie stoßen zum Teil auch Debatten an, etwa um die Frage, wie in der heutigen Stadtentwicklung mit Zeugnissen der zerstörten jüdischen Geschichte umzugehen sei (zum Börneplatz-Konflikt vgl. hier Gedenkstätte Neuer Börneplatz). Während man für Personendenkmale seit der Moderne neue Formen entwickelt hat, wird dies für Gedenkstätten vermehrt in den letzten Jahren umgesetzt: Kunstwerke inspirieren die Erinnerungskultur, zeitgemäße und partizipative Formen des Gedenkens zu erproben. Frankfurter Beispiele dafür sind der Frankfurter Engel, Nur die Spitze des Eisbergs und Das Waisen-Karussell.
„Kunst im öffentlichen Raum“ meint aber auch prominente Werke der Gegenwartskunst. In Allianz mit der Umgebung oder auch in bewusster Opposition zu ihr können sie das Stadtbild bereichern und überraschende Akzente setzen. Einige von ihnen sind zu Wahrzeichen der Stadt geworden: Der Hammering Man etwa steht für die Messestadt, die Euro-Skulptur und Inverted Collar and Tie für die Bankenstadt. Ein solches Stadtmarketing vermittelt wiederum Identität nach innen, nach außen entspricht es den Interessen der Tourismusindustrie.
Andere Werke der zeitgenössischen Kunst dienen weniger der Repräsentation. Sie zeigen vielmehr Konflikte auf und geben Denkanstöße. Relevant ist häufig der Ort der Aufstellung: seine Geschichte, seine soziale Nutzung, seine virtuelle, physische und politische Bedeutung. Der Frankfurter Schacht beispielsweise trägt zur Diskussion um die Verfügbarkeit öffentlicher Räume bei, indem er inmitten der von vielen Gruppen extensiv genutzten Taunusanlage individuelle Nutzung und Intimität bietet. Das Model for a Monument for Mr. and Ms. Deichmann wiederum ist im Zusammenhang der Kritik Jan de Cocks an der Kunst- und Konsumwelt (Sculpture Communism ) zu sehen: Anstatt auf Marktfähigkeit zu setzen, konzipiert der Künstler seine Arbeiten als Geschenk, das die Stadt bereichert und ihren Bewohner*innen neue Ideen beschert. Beide Werke sind auf Initiative städtischer Kunsteinrichtungen (des Museums für Moderne Kunst MMK und der Schirn) in den Stadtraum gekommen. Verwiesen sei auch auf mehrere Ausstellungen von Augmented-Reality-Kunst in Frankfurter Parkanlagen, die quasi am aktuellen Diskurs um die Zukunft des digitalen öffentlichen Raums teilnehmen (vgl. den Text zu AR-Kunst in Frankfurt).
Last not least verbindet man auch Unterhaltung und Freizeit mit „Kunst im öffentlichen Raum“. Kunst-, Musik- und Theaterveranstaltungen auf Plätzen, in Straßen und Parks bringen die Einwohner*innen der Stadt und ihre Gäste unter freiem Himmel zusammen. Davon ist nicht nur die Innenstadt erfasst, auch das umgebende Naherholungsgebiet, der GrünGürtel, ist Ort für Kunst: Angestoßen von der Neuen Frankfurter Schule und unterstützt vom Frankfurter Caricatura Museum sind zahlreiche Werke der Komischen Kunst für diesen Raum entstanden und fungieren hier als Ausflugsziele (vgl. die Zusammenstellung der Arbeiten in der Tour hier auf der Website und die Vorstellung des Projekts in der Gernhardt-Bio).

Kunst, Stadt, Öffentlichkeit

Kunst im öffentlichen Raum leistet also unter anderem einen Beitrag zur Identität, Repräsentation, Reflexion und Unterhaltung.
Urbane Kunst generiert Öffentlichkeit. Und damit bewegt sie sich nicht selten im Spannungsfeld unterschiedlicher Interessen. Interessen, die selten im Einklang stehen – was geradezu als ein Merkmal von „Stadt“ gelten kann: unkontrollierbar, komplex, voll von Widersprüchen und Konflikten. Dieser Ort der Diversität bietet zahlreiche Aktionsfelder, an denen sich „Meinungsverschiedenheiten entzünden und sichtbar werden. Widersprüche, Disharmonie, Kollisionen und daraus resultierende Reibungen sind wiederum ein Motor für Öffentlichkeit“ (so Barbara Berkel in: Konflikt als Motor europäischer Öffentlichkeit. 2006). Eine solche lebendige Öffentlichkeit macht „Stadt“ auch zu einem Verhandlungsraum.

Neuere Ansätze sehen Kunst weniger als Verfügungsmasse von Interessengruppen, sondern als Chance für aktive Auseinandersetzung und Partizipation: Kunst, die Fragen stellt, Probleme sichtbar macht und Austausch fördert – wobei Prozesse mehr interessieren als Lösungen und Meinungsverschiedenheiten durchaus stehen bleiben können. Inhaltlich geht es immer wieder um den Wandel des öffentlichen Raumes, um die Definition von Öffentlichkeit, um Teilhabe und um zeitspezifische Themen, wie aktuell unser Demokratieverständnis, Inklusion, unsere Umwelt und die fortschreitende Digitalisierung.

Das Potential von Kunst im öffentlichen Raum kann sehr wesentlich darin liegen, Menschen zu integrieren und Prozesse des Austausches und des Aushandelns zu fördern. Eine internationale Großstadt wie Frankfurt möchte dies verstärkt als Chance erkennen und Dialog und Kontroverse vermehrt zum Programm öffentlicher Kunst machen. Ziel ist es, Bürger*innen mittels Kunst anzusprechen und sie im Zeichen von Emanzipation, Teilhabe und Selbstermächtigung zu motivieren, für das eigene Lebensumfeld Verantwortung zu übernehmen und es mitzugestalten.


Text: Jessica Beebone, Christine Taxer, 2025
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