Ab 1925 Leiter der Bildhauereiklasse an der Städelschule, schuf Richard Scheibe das
Friedrich-Ebert-Denkmal, das 1926 aufgestellt wurde: eine Bronzefigur, die neben einer Inschrift an der Außenwand der Paulskirche angebracht war. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialist*innen wurden Thema und Ort unerwünscht: Die Würdigung des ersten gewählten Präsidenten der Republik an der symbolträchtigen Paulskirche war mit dem Führerkult der neuen Regierung nicht vereinbar. Daher entfernte man das Denkmal im April 1933 (siehe dazu auch die
Bilder).
Parallel dazu verlor Scheibe seine Position im Kunstbetrieb. Im März 1933 wurde er entlassen, ebenfalls betroffen waren der langjährige Direktor der Städelschule Fritz Wichert sowie weitere an der Städelschule Lehrende: Willi Baumeister, Max Beckmann, Josef Hartwig, Marie Schöffl und Franz Schuster (vgl. hierzu den
Bericht auf der Website der Städelschule). Albert Speer, Hitlers bevorzugter Architekt, erklärte die Entlassung Scheibes später damit, dass der Schöpfer des
Ebert-Denkmals als Liberaler gegolten habe (vgl. https://www.frankfurt1933-1945.de/beitraege/bildende-kunst-museen-bibliotheken/beitrag/richard-scheibe Janine Burnicki zum ambivalenten Umgang mit Scheibe auf der Website Frankfurt 1933–1945).
Warum gehört Scheibe dennoch zu den „belasteten“ Künstlern?
Nach seinen heftigen Protesten wurde er einige Monate nach der Entlassung wieder an der Städelschule eingestellt. In den kommenden Jahren setzte er seine Karriere erfolgreich fort. Hochgeschätzt waren dabei seine seit den 1920er Jahren entstehenden Figuren: handwerklich perfekt gearbeitete, überlebensgroße, kräftige Akte – Figuren, die jetzt aber auch dem nationalsozialistischen Kunstverständnis entgegenkamen.
Scheibe zählte nun denn auch zu den
Klassikern des Übergangs, zusammen mit Kolbe und Fritz Klimsch (siehe dazu Ambra Frank in dem als PDF angehängten Bericht wie auch
Burnicki). Diesen Künstlern sprach die nationalsozialistische Kunstkritik zu, Werte und Formen über die „Verfallszeit“ der Weimarer Republik erhalten zu haben; in dieser Perspektive haben sie die „deutsche Kunst“ bewahrt und gegen die vielfältigen Strömungen der Moderne – diffamiert als „formzersetzend“, „Verfallskunst“, „undeutsch“ und „entartet“ – verteidigt. Alle drei Künstler nahmen wiederholt an der
Großen Deutschen Kunstausstellung teil, die zwischen 1937 und 1944 jährlich im Haus der Deutschen Kunst in München stattfand, und standen auf der
Gottbegnadeten-Liste, die das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda 1944 zusammenstellte.