Kunst im öffentlichen Raum Frankfurt

Historisch „belastete“ Kunstwerke

Im Frankfurter Stadtraum befinden sich zahlreiche historisch „belastete“ Skulpturen und Denkmäler. „Belastet“ insofern, als sie zwischen 1933 und 1945 entstanden sind und ihre Künstler*innen der nationalsozialistischen Ideologie und Kunstdoktrin folgten – etwa indem sie das nationalsozialistische Menschenbild adaptierten und/oder politisch-ideologische Inhalte aufgriffen. Die betroffenen Künstler*innen konnten sich bereits vor 1933 etablieren, jedoch erwies sich ihr Schaffen unter den neuen Vorzeichen als – wie man heute sagt – „anschlussfähig“. Sie wurden vom nationalsozialistischen Regime anerkannt, gewürdigt und protegiert. Künstler wie Richard Scheibe oder Georg Kolbe standen auf Hitlers Liste der „Gottbegnadeten“.

Wie gehen wir heute mit „belasteten“ Kunstwerken um?

Während die einen grundsätzlich einen Abbau befürworten, finden die anderen die fraglichen Werke „schön“ und betonen, ihre Formen seien in der Zeit vor 1933 verwurzelt – ihre Entstehung im Dritten Reich sei also eher „zufällig“, die Darstellungen werden als „allgemein“ und daher unproblematisch gesehen.
Die Stadt Frankfurt vertritt eine dritte Richtung: Sie möchte informieren und einen reflektierten Umgang ermöglichen. Daher wurden hier, auf der Website über Kunst im öffentlichen Raum, die Texte über die „belasteten“ Werke und ihre Künstler aus historisch-wissenschaftlicher Perspektive überarbeitet. Die Werke, ihre Formen und ihre Rezeption werden in ihrem historischen Kontext verortet, die Biografien geben Aufschluss über den jeweiligen Werdegang. Es gilt, jedes Werk als Einzelfall und seine Entstehungsumstände und historischen Hintergründe individuell zu betrachten – nur so ist eine differenzierte Sichtweise möglich.

Werke im Kontext: Der Ring der Statuen

Georg Kolbe war in Berlin ansässig, arbeitete ab 1910 allerdings immer wieder für den Frankfurter öffentlichen Raum, sodass hier Beispiele sowohl seines frühen als auch seines späten Schaffens vertreten sind, unter ihnen der Ring der Statuen. Das Ensemble umfasst sieben überlebensgroße Aktplastiken, die ab 1937 entstanden sind.
Die Figuren sind im Ausdruck reduziert, Bewegungsarmut kennzeichnet ihre Körpersprache und ihre Mimik, ihr Blick geht ins Leere. Ihre Körper zeigen eine naturnahe Auffassung, wobei die Muskulatur der Männer und Frauen deutlich herausgearbeitet ist. Insgesamt folgen die Frankfurter Aktplastiken einem Ideal, das eine antikisierende Formensprache mit Harmonie und Symmetrie verbindet. Damit knüpft Kolbe an sein Schaffen der zurückliegenden Jahrzehnte an – ein Schaffen, das ihm großes internationales Renommée eingebracht hatte. Man schätzte es unter anderem aufgrund der spezifischen, eben auch am Ring anzutreffenden Auffassung der menschlichen Figur: im Anschluss an die Antike und weitgehend frei von zeitgenössischen Einflüssen. Diese Auffassung begründete auch die Teilnahme Kolbes an der großen Schau führender deutscher Künstler*innen im New Yorker Museum of Modern Art 1931.
Auf den ersten Blick also scheinen diese Figuren mit der nationalsozialistischen Ideologie und Kunstdoktrin nicht viel zu tun zu haben – im Vergleich mit Werken von etwa Arno Breker zu wenig expressiv, zu verletzlich, zu passiv und zu nachdenklich? Dieser Eindruck trügt. Die deutlich herausgearbeitete Muskulatur und die kräftige Statur waren „zweifellos anschlussfähig“, wie Ambra Frank ausführt (siehe auch zum Folgenden das angehängte PDF). Darüber hinaus hat Kolbe den Figuren Titel gegeben, wie Junger Kämpfer, Die Hüterin, Die Auserwählte, Junges Weib. Und genau im nationalsozialistischen Kontext entfalteten diese Titel ihre spezifische Bedeutung: Hier verstand man unter der Hüterin die „Trägerin von Blut und Rasse“. Und der junge Kämpfer und die Auserwählte waren Stereotype, die zu einer politisch-ideologischen Verwertung einluden. Davon zeugt schließlich der handfeste Erfolg, den die Figuren 1939 hatten: Adolf Hitler erwarb einen Abguss von Junges Weib, ein Abguss der Hüterin ging an Bernhard Rust, den Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung.
Auch der Entstehungskontext weist das Ensemble als „belastet“ aus. 1941 von der Stadt Frankfurt angekauft, war der Ring der Statuen für den damals neuen „Westpark“ bestimmt: für das Gelände also, das sich seit über hundert Jahren im Besitz der Familie Rothschild befunden hatte und auf dem auch das (1944 bei Luftangriffen zerstörte) Rothschild-Palais stand, das von der Stadt „arisiert“ worden war (zu den Umständen der sogenannten „Entjudung von Grundbesitz“ siehe auch die Verfolgungsgeschichte der Familie Goldschmidt-Rothschild).

Widersprüchliche Interpretationen: Georg Scheibe zwischen Entlassung und „höheren Weihen“

Ab 1925 Leiter der Bildhauereiklasse an der Städelschule, schuf Richard Scheibe das Friedrich-Ebert-Denkmal, das 1926 aufgestellt wurde: eine Bronzefigur, die neben einer Inschrift an der Außenwand der Paulskirche angebracht war. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialist*innen wurden Thema und Ort unerwünscht: Die Würdigung des ersten gewählten Präsidenten der Republik an der symbolträchtigen Paulskirche war mit dem Führerkult der neuen Regierung nicht vereinbar. Daher entfernte man das Denkmal im April 1933 (siehe dazu auch die Bilder).
Parallel dazu verlor Scheibe seine Position im Kunstbetrieb. Im März 1933 wurde er entlassen, ebenfalls betroffen waren der langjährige Direktor der Städelschule Fritz Wichert sowie weitere an der Städelschule Lehrende: Willi Baumeister, Max Beckmann, Josef Hartwig, Marie Schöffl und Franz Schuster (vgl. hierzu den Bericht auf der Website der Städelschule). Albert Speer, Hitlers bevorzugter Architekt, erklärte die Entlassung Scheibes später damit, dass der Schöpfer des Ebert-Denkmals als Liberaler gegolten habe (vgl. https://www.frankfurt1933-1945.de/beitraege/bildende-kunst-museen-bibliotheken/beitrag/richard-scheibe Janine Burnicki zum ambivalenten Umgang mit Scheibe auf der Website Frankfurt 1933–1945).
Warum gehört Scheibe dennoch zu den „belasteten“ Künstlern?
Nach seinen heftigen Protesten wurde er einige Monate nach der Entlassung wieder an der Städelschule eingestellt. In den kommenden Jahren setzte er seine Karriere erfolgreich fort. Hochgeschätzt waren dabei seine seit den 1920er Jahren entstehenden Figuren: handwerklich perfekt gearbeitete, überlebensgroße, kräftige Akte – Figuren, die jetzt aber auch dem nationalsozialistischen Kunstverständnis entgegenkamen.
Scheibe zählte nun denn auch zu den Klassikern des Übergangs, zusammen mit Kolbe und Fritz Klimsch (siehe dazu Ambra Frank in dem als PDF angehängten Bericht wie auch Burnicki). Diesen Künstlern sprach die nationalsozialistische Kunstkritik zu, Werte und Formen über die „Verfallszeit“ der Weimarer Republik erhalten zu haben; in dieser Perspektive haben sie die „deutsche Kunst“ bewahrt und gegen die vielfältigen Strömungen der Moderne – diffamiert als „formzersetzend“, „Verfallskunst“, „undeutsch“ und „entartet“ – verteidigt. Alle drei Künstler nahmen wiederholt an der Großen Deutschen Kunstausstellung teil, die zwischen 1937 und 1944 jährlich im Haus der Deutschen Kunst in München stattfand, und standen auf der Gottbegnadeten-Liste, die das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda 1944 zusammenstellte.

Ausblick

Das Frankfurter Rechercheprojekt zu „belasteter“ Kunst soll weitere Künstler*innen erforschen, wie Fritz Klimsch, August Bischoff, Hugo Lederer und Richard Martin Werner. Klimsch beispielsweise schuf u.a. ein prominentes Werk für die IG-Farbenindustrie und avancierte 1938 zum Reichskultursenator.
Was Lederer betrifft, auch er ist hier beispielhaft genannt, so ist es sein Hamburger Bismarck-Denkmal von 1906, das in der Diskussion um „belastete“ Werke eine zentrale Rolle spielt – wobei es hier nicht um den Umgang mit dem nationalsozialistischen, sondern mit dem kolonialen Erbe geht: Ist es zeitgemäß, Bismarck, der heute vor allem als Wegbereiter des deutschen Kolonialismus kritisch betrachtet wird, mit einem Denkmal zu ehren? In diesem Zusammenhang gab es in den letzten Jahren immer wieder Initiativen, das Denkmal entweder abzureißen oder es einer künstlerischen Intervention zu unterziehen, die die komplexen Bezüge des Objekts zu Kolonialismus, Nationalismus, Diskriminierung und Fragen der sozialen Gerechtigkeit sichtbar machen soll (siehe etwa den Überblick von Irene Altenmüller; NDR, 02.01.2024; letzter Aufruf 16.12.2024).


Text: Jessica Beebone / Lisa Winter, 2025
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