Das Prinzip der digitalen Realitätserweiterung hat seit den Pokémon-Jagden zu Corona-Hochzeiten eine breite Öffentlichkeit erreicht: Die Spieler*innen werden zu bestimmten Orte geleitet, an denen durch die Kamera ihres Smartphones (bewegte) Bilder sichtbar werden. Der reale Raum wird also gewissermaßen um eine fiktive, digitale Komponente ergänzt. Doch was genau ist Augmented Reality? Und welche Möglichkeiten bietet sie im Bereich der Kunst?
Das Grundkonzept von Augmented Reality besteht darin, digitale Informationen in die reale Welt zu integrieren; im Unterschied zu etwa der Virtual Reality, die das komplette Eintauchen in die digitale Welt meint. Schon heute ist AR Teil unseres Alltags, wie einige bekannte Beispiele zeigen. In Fußball-Übertragungen etwa wird bei Verdacht auf Abseits eine Linie eingeblendet, sodass die Zuschauer*innen die Position der Spieler*innen zum fraglichen Zeitpunkt besser erkennen können. Verschiedene Einrichtungs-Softwares ermöglichen Unentschlossenen, in ihrem Zuhause digitale Bilder von Möbeln zur Probe aufzustellen. Filter in Smartphone-Kameras, die das eigene Gesicht als Katze verfremdet oder aufwändig geschminkt zeigen, sind das wohl alltäglichste Beispiel der jüngeren Generationen.
Solche Verschmelzungen von realen und digitalen Anteilen werden von Augmented Reality Technologien geleistet, die zunächst einmal ein Werkzeug sind. Was nun den Einsatz dieses Werkzeugs betrifft, gibt es im Kunstsektor vielfältige Möglichkeiten, von denen einige heute bereits umgesetzt sind.
Museen setzen etwa AR Technologien ein, um Ausstellungen interaktiv zu bespielen; gekoppelt an einen Audioguide, führen etwa virtuelle Personen durch die Sammlung. Leicht vorstellbar, dies auf den öffentlichen Raum zu übertragen – hier könnte AR statische Kunst beleben: Ein virtueller Goethe könnte neben seinem physischen, also aus Bronze und Granit gefertigten und auf dem Goetheplatz befindlichen Denkmal erscheinen und über dessen Entstehung berichten oder das eigene schriftstellerische Werk anhand der am Sockel angebrachten Reliefs erläutern.
AR-Anwendungen ermöglichen ebenfalls, zerstörte oder verschwundene Objekte an ihrem originalen Standort im Stadtraum zu betrachten. Dies nutzt etwa das Projekt METAhub (letzter Zugriff 05.03.2025) in Bezug auf Orte, deren jüdische Geschichte im heutigen Stadtbild verschwunden, überformt, unsichtbar ist. Möglich wäre auch die Einrichtung eines Archivs, das Werke der – bekanntlich nicht dauerhaften – Street Art dokumentiert. Dann würde etwa eine Wand im realen Stadtraum gezeigt und darauf das Bild gelegt, das hier zu einem früheren Zeitpunkt gefertigt, mittlerweile aber wieder entfernt worden ist.
Allerdings ist zu beobachten, dass der Rückgriff auf das Werkzeug AR-Technologien auf verschiedene Motivationen zurückgeht. Anstoß kann das Streben nach Brandaktualität sein, gleichgesetzt mit technologischem Fortschritt – oder ein Konzept, das dieses Werkzeug ganz bewusst nutzt. Bezogen auf Kunst im öffentlichen Raum kommen bei einem solch bewussten Einsatz etwa folgende Fragen zum Zuge: Denkt das Konzept den Aufstellungsort mit? Berücksichtigt es seine Geschichte und soziale Nutzung wie auch seine virtuelle, physische und politische Bedeutung? Welche Rolle spielt die Nutzung von AR in diesem Spannungsfeld? Wem gehört eigentlich der öffentliche Raum und wie demokratisch kann man ihn sich aneignen?
