Kunst im öffentlichen Raum Frankfurt

Frankfurter Schacht

Objekt: Frankfurter Schacht
Standort: Taunusanlage
Stadtteil: Innenstadt
Künstler*in: Gaillard, Cyprien
Material: Stahl, Onyx
Entstehung: 2021
Aufstellung: Mai 2021
Eigentum von: Museum für Moderne Kunst MMK

Neben dem Pfennig-Denkmal, zwischen zwei Zugängen zur S-Bahn-Station Taunusanlage, steht seit Mai 2021 eine dicke Säule aus Stahl. Beim neugierigen Erkunden stößt man auf eine Tür, die rund um die Uhr geöffnet ist. Wer sie durchschreitet, steht auf einem Gitter, das die darunter liegende Kanalisation überbrückt. Schön dann die Aussicht nach oben: Die mit rosafarbenem Onyx verkleidete Wand führt den Blick auf ein Rund Himmel zu.
Wozu das Ganze? Zunächst mag manch einer*eine an einen Lüftungsschacht denken. Der Künstler Cyprien Gaillard allerdings stellt die Nutzung des Raumes frei. „Tag und Nacht für alle geöffnet, schließt sich der Schacht je nach Bedarf. Inmitten des öffentlichen Raums entsteht ein Ort der Intimität.“ So heißt es in einem Informationsblatt des Museum für Moderne Kunst MMK, das die Skulptur für die Frankfurter Positionen 2021 in Auftrag gegeben hat: für ein interdisziplinäres Festival also, an dem mehrere Kulturinstitutionen mit eigens produzierten Performances, Theaterstücken und Kunstwerken beteiligt sind und das Fragen nach gesellschaftlichem Wandel und zu den Veränderungen in der Lebenswelt stellt.
Wer sich den Raum aufmerksam anschaut, entdeckt freilich Hinweise auf eine bestimmte Art von „Bedarf“, auf eine menschliche „Bedürftigkeit“: An der Innenwand, kurz über dem Boden, wurde eine Spülung angebracht, und das Gitter über dem Edelstahlboden erinnert an die Einrichtung öffentlicher Toiletten im Herkunftsland des Künstlers, Frankreich. Diese Deutung wiederum bringt die Situation vor Ort in den Sinn: das Fehlen öffentlicher Toiletten in einer Umgebung, in der sich Angestellte der umliegenden Banken, Obdachlose und Drogenabhängige gleichermaßen tummeln.
Im Frankfurter Schacht liegen Poesie und Realität, himmlische Verklärung und irdische Unzulänglichkeit eng beieinander: einerseits der vom Edelstein gerahmte Blick in den hohen Himmel, andererseits die Bindung allen Lebens an Bedingtheiten wie etwa auch die „Notdurft“.


Text: Christine Taxer, 2022